Geld oder Moral: Theater-AG präsentiert „Besuch der alten Dame“

Wenn Geld plötzlich wichtiger wird als Moral und Zusammenhalt. Die Theater-AG unserer Schule wagte sich in diesem Schuljahr an ein Schwergewicht der deutschen Literatur: sie präsentierte am 02.06. die tragische Komödie „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt.


Worum geht es in dem Stück?

Die Multimillionärin Klara Wäscher kehrt nach Jahrzehnten als Milliardärin Claire Zachanassian in ihre heruntergekommene und bankrotte Heimatstadt Güllen zurück. Sie verspricht den verarmten Bewohnern eine Milliarde, knüpft daran jedoch eine perfide Bedingung: Die Stadt muss Alfred, ihre damalige Jugendliebe, töten. Ein beliebter Bürger der Stadt Güllen, der Klara einst in ihrer Jugend die Ehe versprach, sie dann aber schwanger verleugnete und eine andere Frau heiratete.


Vom Zusammenhalt zur Gier…

Anfangs weisen die Güllener das unmoralische Angebot empört zurück. Doch schon bald lassen sich die Bürger von der Aussicht auf den plötzlichen Wohlstand blenden. Einwohner kaufen neue, teure Waren, obwohl sie das Geld (noch) gar nicht haben. Durch die Veränderung der Dorfbewohner stellt Dürrenmatt die egoistische Käuflichkeit der menschlichen Natur dar. Hinter dem Stück steckt viel mehr eine Entlarvung der menschlichen Haltung, sobald der eigene Vorteil groß genug ist. Egoismus wird ganz schnell rationalisiert, unabhängig von der Person, die vor einem steht. Selbst Frau und Kinder von Alfred wenden sich von ihm ab. Das Stück endet mit seiner Ermordung Alfreds durch die gierigen, scheinheiligen Dorfbewohner Güllens.


Beeindruckende Leistung der AG

Die Schülerinnen und Schüler haben diese schwierige Thematik hervorragend auf die Bühne gebracht. Mit viel Hingabe, schauspielerischem Talent und „wirklich langem Üben“ (Jara Höfner, 11d) beeindruckten sie das Publikum. Dabei wurde deutlich, wie viel Probenarbeit die Gruppe mit Frau Woller und Herrn Kalski in die Aufführung investierten.

Besonders faszinierend war die gelungene Mimik und Gestik (sowie die Körperhaltung) der Schauspielerinnen. Durch diese schafften sie es, Charaktereigenschaften sowie die innere Zerrissenheit der Figuren spürbar zu machen. Im dritten Akt (Katastrophe und Tod von Alfred) transportierten sie durch ihre Körperarbeit die wachsende Bedrohung im Dorf perfekt. Das Publikum im Forum war berührt und begeistert, es applaudierte nach der letzten Szene minutenlang.

Die Inszenierung führte vor Augen, wie zeitlos Dürrenmatts Fragen nach moralischer Verantwortung und menschlicher Natur auch in der heutigen Zeit bleiben. Als Zuschauer blieb mir die unbequeme Frage: Wie viel „Güllen“ steckt vielleicht auch in unserer Gesellschaft?


(Text: Maryam Selo, 11a; Fotos: Herr Kraft)